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Verkehrspolitik

Warum fahren so wenige Menschen im Saarland Fahrrad?

Ein Versuch des ADFC Saar, eine Antwort auf eine schwierige Frage zu geben

Immer wieder wird im Saarland die Frage diskutiert, warum hier im bundesweiten Vergleich so wenige Menschen das Fahrrad benutzen. Manche machen es sich dabei leicht und führen allein die „bewegte Topographie“, also die vielen Berge, ins Feld. Solche monokausalen Erklärungsversuche greifen aber zu kurz, denn sonst müssten im relativ flachen Homburg oder auch rund um Saarlouis wesentlich mehr Leute mit dem Rad unterwegs sein. Nach Meinung des ADFC gibt es nicht die eine Ursache, sondern ein ganzes Ursachenbündel für diese negative Verkehrsmittelwahl. Nur bei Berücksichtigung aller Gründe kommt man der Vielschichtigkeit des Problems näher.

Viele Berge

Zweifelsohne bergen die zahlreichen Steigungen im Saarland für ungeübte Radfahrerinnen und Radfahrer besondere Herausforderungen. Diese können jedoch durch die heute mögliche elektrische Unterstützung stark relativiert werden. Ein größeres Handicap sind hingegen die durch die Topographie bedingten engen Tallagen, die oft zu beengten Straßenverhältnissen führen. Relativ schmale Straßen innerhalb der Ortschaften erschweren die Anlage von Radwegen und Radfahrstreifen, da sich alle Verkehrsteilnehmer den knapp bemessenen Raum teilen müssen. Verkehrs- und Stadtplanung richten sich dabei fast immer an den Bedürfnissen des rollenden und ruhenden Kfz-Verkehrs aus.

Siedlungsstruktur

Die historisch gewachsene, sehr zerstreute Siedlungsweise des Saarlandes (Stichwort: Prämienhausförderung im Rahmen der preußischen Siedlungspolitik) mit sehr vielen Eigenheimen bringt eine große Anzahl von Pendlern mit sich. Sie erschwert auch die Erschließung der Wohngebiete durch den ÖPNV. Das Auto ist infolgedessen das bevorzugte Verkehrsmittel.

Mangelhafte Infrastruktur für den Radverkehr

Über Jahrzehnte hinweg wurden nur wenige Radwege gebaut bzw. neue Straßen ohne Raum für Radwege oder Radfahrstreifen angelegt. Deshalb ist das Wegenetz sehr lückenhaft. Außerdem ist es in seiner Ausstattung sehr heterogen. Die Radfahrer sind zu häufigen Wechseln (von Geh-Radwegen auf Schutzstreifen auf Radfahrstreifen auf die normale Fahrbahn usw.) gezwungen. Viele wichtige Ziele sind überhaupt nicht an die Radverkehrsinfrastruktur angeschlossen. Lediglich das touristische Netz wurde seit Ende der 1990er-Jahre zufriedenstellend ausgebaut und wird mittlerweile stellenweise sehr intensiv genutzt.

Verfügbarkeit der Verkehrsmittel

Im Saarland sind bundesweit die meisten Autos pro Kopf angemeldet. Für fast jeden Einwohner ist ein Auto verfügbar. Gleichzeitig gibt es pro Kopf weniger Fahrräder als im Bundesdurchschnitt.

Verkehrspolitik

Eine starke Lobby sorgte über Jahrzehnte und sorgt immer noch für eine autoorientierte Verkehrspolitik und -planung und ein sehr dichtes Straßennetz. Die Ausrichtung der ehemaligen Montanregion auf die Automobilindustrie wirkt sich auch verkehrspolitisch aus. Auf der Seite der Radfahrer fehlte eine entsprechende Interessenvertretung sehr lange. Die relativ wenigen Radfahrer gelten sowohl als Wähler als auch als Kunden nur als Randgruppe. Die Bedeutung von Information und Kommunikation für eine Erhöhung der Fahrradnutzung wurde lange nicht wahrgenommen. Eine verkehrspolitische Strategie zur Förderung des Alltagsradverkehrs durch Land und Kommunen bildet sich erst allmählich heraus.

Finanzierungsprobleme

Das Saarland ist ein Haushaltsnotlageland, in dem außerdem katastrophale kommunale Finanzen Investitionen selbst in den vergleichsweise kostengünstigen Radverkehr sehr erschweren. Durch Sparzwänge bedingte geringe Personalressourcen im Planungsbereich kommen hinzu.

Mentalität

Über lange Zeit unterlag das Fahrrad als Fahrzeug des „kleinen Mannes“ einer öffentlichen Geringschätzung. Das Auto dagegen galt als Statussymbol. Diese Einschätzung wandelt sich erst in jüngerer Zeit vor allem wegen des Imagegewinns als gesundes Fortbewegungsmittel für die Freizeit. Im Alltag dagegen haben viele Menschen wegen des im Saarland besonders starken Kfz-Verkehrs und der schlecht ausgebauten Infrastruktur Angst, Rad zu fahren. Planern fehlt vielfach das Verständnis für die speziellen Bedürfnisse der Radfahrer. Autofahrer rechnen wegen des geringen Radverkehrs­aufkommens häufig nicht mit Radfahrern. Radfahr- und Schutzstreifen werden sehr oft als willkommene Parkflächen wahrgenommen und missbraucht.