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Radtouren

Harald Rauch fährt Paris-Brest-Paris

1.250km und 11.800 hm in 65 h 55 min

Es geht nicht um Geschwindigkeit, sondern ums Genießen!

Fabrice Milanesi (mehrfach Rückfälliger) bringt dies auf den Punkt: But why nevertheless ride PBP? Because it brings together cyclists from all backgrounds, tourists and racers, striving for the same goal: to finish, without any competition between the riders.

 

Hier ein kurzer Bericht über mein erstes (aber gewiss nicht letztes) PBP.

 

Als wir am Samstag, 17.08. Richtung Paris bzw. Rambouillet aufbrachen, hätte ich in Vorhandyzeiten gesagt, das wird nix, wir bleiben zuhause. Aber zum Glück waren sich alle Wetterapps einig, dass der Regen am Sonntagnachmittag, also pünktlich zum Start (ich war in der Startgruppe 18.00 Uhr) durch sein soll...und sie hatten Recht!

Also haben wir am Nachmittag im Hotel eingecheckt, wo sich auch schon mehrere Rondonneure eingefunden hatten.

Am Samstagnachmittag gings im weitläufigen Schlosspark von Rambouillet zum Fahrradcheck, über matschige Wege. Wozu hatte ich vorher mein Rad geputzt?

Dann zum Treffen von ARA (=Audax Randonneurs Allemagne), wo ich schon einige mir bekannte Randonneure traf. Im ganzen Ort und der Umgebung waren schon jede Menge Randonneure, zu erkennen an ihren Gepäcktaschen am Rad, unterwegs. Am Sonntagnachmittag stieg dann der Adrenalinspiegel langsam an. Kurz noch ein paar Kekse, Bananen etc. für alle Fälle eingekauft. Der Tipp eines Randonneurs aus unserem Hotel betreffs Minisalami war gut: "kannst du einfach in die Trikottasche stecken und hast immer was zum Naschen."

Dann gings endlich zum Start, bei Sonne! Los gings Richtung Westen, der Gegenwind war in der großen Gruppe kein Thema. Wir kamen gut voran in der lieblichen, welligen Landschaft der Ile de France, bis zur ersten Kontrolle in Mortagne au Perche nach ca. 118 km, inzwischen war es dunkel, hatten wir einen knapp 30er Schnitt! Jetzt erst mal ein Schokocroissant und, das wichtigste Lebensmittel für die nächsten 3 Tage, Cafe au lait.

Weiter gings durch die laue Nacht, immer Richtung Westen mit guter Gruppe, bis zum K 2 in Villaines-la-Juhel nach 217 km lag der Schnitt immer noch über 28 km/h. Das hätte hochgerechnet eine Zeit um die 50 Std ergeben, was natürlich unrealistisch ist, denn später wirst du naturgemäß immer langsamer. Jedenfalls hatte ich gute Beine und fuhr wie ein junger Gott. Das schöne in der Nacht ist, dass du vor dir immer Grüppchen von roten Rücklichtern siehst, und ich bin mehrmals meiner Gruppe davongesprintet, um mich an die nächste dranzuhängen. Dass das nicht lang gut gehen kann, ist wohl klar, aber ich war halt so euphorisch!

Die nächste Kontrolle war in Fougeres, es war noch dunkel, ich habe nur kurz die Festung gesehen. Auf der Rückfahrt am Dienstag habe ich dann erst gesehen, wie riesig selbige ist, und wie schön der Ort liegt. Muß ich unbedingt mal näher anschauen ...

Die Nacht ist kühler als angekündigt, endlich wirds langsam hell, weiter gehts Richtung Brest, die Kontrollen gleichen sich wie ein Ei dem anderen, und irgendwann kommen dir die Croissants und Sandwiches aus den Ohren raus, aber egal, irgendwas musst du ja zu dir nehmen! Es ist schon ein lustiges Bild, wenn mehrere hundert Radler in einer Halle sitzen, einige in verrenkten Schlafposen, den Kopf auf dem Tisch ...

So langsam wirds wieder dunkel und wir nähern uns dem Wendepunkt, der Stadt Brest. Zeit, das Licht einzuschalten. Upps, wo ist meine Akkulampe?? Muß ich irgendwo verloren haben. also in Brest an der Kontrolle (an jeder Kontrolle sind Fahrradhändler, nach dem Motto, wenns Brei regnet) eine neue gekauft.

Auf gehts in die zweite Nacht. Allmählich werde ich müde und ein erstes kurzes Powernapping ist fällig, ca. 15 min im Gras, eingehüllt in meine Rettungsfolie. Nachdem ich durch ein knatterndes Motorrad geweckt werde, steige ich wieder aufs Rad, vor mir wie gehabt rote Rücklichter, hinter mir immer wieder Scheinwerfer, also bin ich noch auf der richtigen Strecke (du hast schnell mal ein Schild übersehen). Wieder sind die Sterne und der Halbmond meine stummen Begleiter. Gegen Morgen wirds sehr frisch, um die 6 Grad, und neblig, die Brille beschlägt ständig und vom Helm tropfts runter. Mittlerweile fahre ich meistens alleine, hab leider zweimal eine gute Gruppe verloren, was das Fahren nicht unbedingt erleichtert, aber das sollte einen echten Randonneur nicht stören. Irgendwann am Nachmittag merke ich wieder die Müdigkeit, lege mich in einem Park kurz auf die Wiese, ruckzuck kommt eine Handvoll Kiddies auf Fahrrädern daher, "vous faite le Paris-Brest? Comment ca vas?" Natürlich freue ich mich über das Interesse, aber meine Antwort erschöpft sich in einem müden "je suis fatigueé".

Apropos Interesse: An der Strecke stehen immer wieder Leute vor den Häusern und applaudieren und feuern uns an, stellen Wasser und Obst zur Verfügung, auch mitten in der Nacht, es ist einfach toll!!!

Jetzt erreiche ich wieder Fougeres. Leider zur Rushhour, sauviel Verkehr, hab keine Lust zum Fotografieren, will nur endlich weg.

Endlich holt mich mal wieder ein Grüppchen ein, einen davon kannte ich sogar, ein ganz netter namens Szymon, wir sind uns wohl letztes Jahr bei einem Brevet im Saarland begegnet, den hatte ich schon vorher an irgendeiner Kontrolle getroffen, ich war bass erstaunt, dass er mich gleich mit Namen angesprochen hat, ich hätte mich nicht mehr erinnert.

Mir tut seit einiger Zeit die linke Achillessehne weh, Szymon schenkt mir einen Blister mit Ibu 400 - das ist gelebter Randonneursgedanke!!!

Natürlich hab ich Szymon & Co nach der Kontrolle nicht mehr gesehen, es sind einfach zu viele. Dann hab ich mich an eine französische Gruppe von ca. 8 Leuten drangehängt, der Leitwolf hat mir dann auf englisch die Gruppenregeln erklärt und ständig irgendwelche Kommandos gebrüllt, könnte gut als Feldwebel durchgehen.

Mittlerweile bin ich in der dritten Nacht, jetzt wirds langsam kriminell. Mein Gehirn spielt mir Streiche, ich fange an zu halluzinieren. Ich glaube z.B. vor mir eine hohe Felswand zu sehen, das ist aber nur der dunkle Nachthimmel. die flüchtigen Schatten, die die Fahrradlampe wirft, werden zu Tieren oder was auch immer. Dann fange ich an, meine Brille hin und her zu schieben, weil ich glaube, nur noch das halbe Sichtfeld zu haben, dabei ist es nur der Schatten durch den Radfahrer hinter mir, und irgendwann frag ich mich, wo bin ich denn hier, wie komme ich zu diesen Leuten, wo fahren wir eigentlich hin??? Einmal dachte ich, ich sei in Kroatien, bevor mein leicht nebliges Gehirn mir sagte, "nee, Junge, du bist bei Paris-Brest-Paris."

Höchste Zeit für eine kleine Pause. In einem Ort namens Mamiers gibts einen (von vielen) privaten Ständen mit Kaffee und süßen Snacks und ein kleines Matratzenlager, ich gönne mir immerhin eine Stunde Schlaf. Weiter gehts, es bildet sich ein Grüppchen mit ein paar Deutschen. Mortagne au Perche wird erreicht, danach fahre ich mal wieder auf Autopilot. Wundere mich immer noch, dass das gut gegangen ist. Irgendwann ist die Gruppe weg, aber ich treffe die nächste, höre hauptsächlich italienisch. Ich setze mich an die Spitze. Fehler!! Denn plötzlich sehe ich keine Lichter mehr hinter mir, und im übernächsten Dorf kommt eine Kreuzung ohne Paris-Brest-Paris-Schild. Das kann nur eins bedeuten: Ich habe mich verfahren - was tun? Ich rufe bei der letzten Kontrolle an, der nette Herr erklärt mir halb französisch, halb englisch, ich soll zurückfahren bis zur Abzweigung zum Ort xy, dann bin ich wieder auf der Strecke. OK, nach kurzer Panik alles wieder klar, hat mich vlt. 15 km Umweg gekostet.

Die Sonne geht auf, die letzte Kontrolle rückt näher, bevor ich auf dem Rad einschlafe, gönne ich mir noch ein Powernapping auf einer Bank.

Jetzt aber los nach Dreux, nochmal stempeln, Cafe au lait und Schokocroissant, jetzt sinds nur noch 45 km!!!!! Natürlich hat der Wind auf Ost gedreht, um wieder von vorne zu kommen..

Noch eins zum Thema Franzosen und laissez faire: so ca. 25 km vor dem Ziel hat mich ein Rennradfahrer überholt und mir angeboten, mir bis ins Ziel Windschatten zu geben. Nach ein paar km standen einige Kontrolleure am Straßenrand und riefen, das ist verboten, gibt Zeitstrafe, aber was solls ...

Endlich gehts Richtung Rambouillet, durchs Städtchen und Richtung Schloss. Gegen 12 Uhr mittags bin ich im Ziel, nach 65 h 55 min, 1250 km und 11800 hm.

Es ist geschafft, ich kanns noch gar nicht glauben!!!

Und ich hab‘s besser überstanden als befürchtet, kaum Sitzprobleme, nur mein linker Fuß ist ziemlich angeschwollen, und natürlich wieder die tauben Fingerspitzen.

Fazit: Trotz aller Strapazen habe ich zu keiner Zeit daran gezweifelt, dass ich das Ding bis zum Ende durchziehe. Und so es meine Gesundheit erlaubt, bin ich 2023 wieder dabei!!!

Kleine Dia-Show