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Unterkomplexe Unfall-Ursachenanalyse und Forderungen

Die Klinik für Unfallchirurgie auf dem Saarbrücker Winterberg hat für März und April 2020 im Vergleich mit den entsprechenden Vorjahresmonaten erhöhte Unfallzahlen bei Radfahrer*innen festgestellt. Die Zahl der Patienten nach Fahrradunfällen stieg demnach von 36 auf 49. Das Klinikum leitet aus dem Anstieg verschiedene Forderungen ab. Nach Meinung des ADFC Saar ist die Ursachenanalyse leider unterkomplex und die Forderungen werden der Unfallproblematik nicht gerecht. So fehlen in der Stellungnahme jegliche verkehrspolitische und –planerische Maßnahmen.

Foto (ADFC Saar): Auch schlechte Wege verursachen Unfälle

Zwar deutet das Klinikum einen Zusammenhang zwischen jüngst gestiegener Fahrradnutzung und wachsenden Unfallzahlen an, analysiert dies aber nicht näher. In einer genauen Analyse der Unfälle liegt aber nach Meinung des ADFC der Schlüssel für die Entwicklung geeigneter Maßnahmen. Wer sind die Verunfallten? Wie alt sind sie? Waren es Alleinunfälle oder Zusammenstöße mit anderen Verkehrsteilnehmer*innen? Lag ein technischer Defekt oder schlechte Infrastruktur zugrunde? Theoretisch wäre es sogar denkbar, dass die Unfallzahlen, relativ gesehen, angesichts des stark gestiegenen Radverkehrs rückläufig sind.

In diesem Zusammenhang hält es der ADFC für wichtig, zu analysieren, wie viele der Verunfallten ein Pedelec fuhren, ob sie dies erst vor kurzem gekauft haben und vielleicht Neu- oder Wiederaufsteiger*innen ohne große Fahrkenntnisse waren. Viele dieser Fahrer*innen kommen noch nicht verkehrssicher mit den höheren Geschwindigkeiten, dem anderen Fahrverhalten und dem höheren Gewicht der Räder zurecht. Der hohe Anteil älterer Menschen an den Verunfallten ist statistisch belegt. Das erhöhte Verletzungsrisiko älterer Pedelec-Benutzer*innen ist schließlich seit längerem bekannt. Hier gilt es unter anderem mit Schulungen und guter Informationsarbeit anzusetzen. Langfristig ist darauf hinzuarbeiten, dass im Lebenszyklus keine Unterbrechung der Radnutzung mehr stattfindet - das Wieder- oder Neuaufsteiger-Problem kommt dann von allein aus der Welt.

Der ADFC bedauert die verkehrspolitische Zurückhaltung des Klinikums und fragt sich, woher diese rührt. Für den ADFC sind die Radwege in Saarbrücken und andernorts trotz mancher Fortschritte in den letzten Jahren immer noch viel zu lückenhaft. Außerdem fehlt es an durchgängiger Führung, d.h. Radfahrstreifen, Schutzstreifen, Geh-Radwege wechseln sich auf einer Strecke mitunter munter ab. Manche Maßnahme ist geradezu fehlerprovozierend. So war es an der ampelgeregelten Baustelle am Schloss als Radfahrer nicht möglich, durchzukommen, ohne dass einem schon der Gegenverkehr entgegenrollte. Das sorgt für gefährliche Situationen, mit den gerade unerfahrene oder unsichere Radfahrer*innen nicht gut zurechtkommen. Die Dominanz des zudem nicht selten aggressiven Kfz-Verkehrs muss zurückgedrängt werden, sie ist ein Hauptverursacher für den relativ geringen Radverkehr im Saarland. Radverkehr ist immer noch nicht richtig im Bewusstsein der Autofahrer. Auch dies sorgt für Gefährdungen.

Der ADFC fordert nicht nur angesichts der gestiegenen Unfallzahlen:

- aussagekräftige, differenzierte Unfallaufnahmen und –statistiken

- eine fahrradfreundliche Verkehrspolitik und –planung. Diese muss lückenlose Radwegenetze schaffen. Die Wege müssen ausreichend breit sein, möglichst baulich abgetrennt vom Autoverkehr verlaufen und dürfen nicht zu Lasten des Fußverkehrs angelegt werden. Innerorts ist ein flächendeckendes Tempo 30 dringend notwendig. Kreuzungen sollten fahrradfreundlicher gestaltet sein.

- alle Verkehrsteilnehmer*innen müssen besser geschult werden, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Überall sind lückenhafte Kenntnisse der Straßenverkehrsordnung festzustellen. Selbstverständlich müssen sich auch Radfahrer’innen an die Verkehrsregeln halten. Gegenseitige Rücksichtnahme muss oberstes Prinzip aller sein. Fahrradunterricht braucht eine Fortsetzung in weiterführenden Schulen. Prinzipien wie „Äußerlich offensiv, innerlich defensiv fahren“, „Sichtbarkeit ist Sicherheit“, „Vorausschauend fahren“ müssen für jedes Kind das kleine Ein-mal-Eins der Verkehrserziehung darstellen. Natürlich ist es sinnvoll, einen Helm zu tragen. Der Holländergriff muss in den Fahrschulen obligatorisch werden, dies verhindert Unfälle mit unachtsam geöffneten Autotüren.

Der ADFC glaubt, dass man in Saarland trotz vieler Unzulänglichkeiten gut und sicher Rad fahren kann. Nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie steigt die Zahl der Radfahrer*innen. Mehr Radverkehr bedeutet mehr Sicherheit, weil die Radfahrer*innen immer stärker im Bewusstsein der Autofahrer*innen sind. Wer sich regelkonform verhält, ein verkehrssicheres Fahrrad besitzt und die oben aufgeführten Hinweise beachtet, kann auch im Saarland sicher mit dem Rad unterwegs sein, im Alltag wie in der Freizeit.